
26 Meter lang ist ein Segment der Transrapid-Weichen. Die Teile sind mit Kies gefüllt, um Vibrationen abzufangen. (Foto: Fischer)
Wenn der Transrapid durch China flitzt, hat die
Richter Maschinenfabrik einiges dazu beigetragen: Bei ihr in
Hessisch Lichtenau werden die tonnenschweren Weichen
bearbeitet.
Hessisch Lichtenau · Sie mögen es,
wenn es richtig dicke kommt. "Am liebsten ab zehn Tonnen aufwärts",
sagt Joachim Kraus, Prokurist der Richter Maschinenfabrik AG. Das
Unternehmen in Hessisch Lichtenau (Werra-Meißner-Kreis) ist
Spezialist für die Bearbeitung großer Stahlteile. Prominenteste
Schwergewichte in der Halle sind zur Zeit Weichen, auf denen der
Magnetgleiter Transrapid von Shanghai nach Pudong flitzen wird.
Acht Stück werden in Hessisch Lichtenau bearbeitet, jedes
zusammengesetzt aus drei 26 Meter langen, 60 Tonnen schweren
Segmenten. Bis zu 3,5 Meter können die Weichen zur Seite schwenken
- eine Beweglichkeit, die ohne Gelenke nur aus dem Material
kommt.
Diese Brocken sind sogar für die in großen
Dimensionen rechnenden Richter-Mitarbeiter etwas Besonderes. Nicht
nur, weil sie damit am nordhessischen Vorzeigeprojekt Transrapid
mitfräsen und bohren. Nicht nur, weil sie den ursprünglich nicht
verwirklichte Trasse Hamburg-Berlin gewonnenen Auftrag schon in den
Wind geschrieben hatten. Sondern auch, weil das Projekt eine
Präzision verlangt, die man als Herausforderung begreifen kann.
Die langen Stahlsegmente werden oben und an der
Seite an den Gleit- und Führungsblechen gefräst. Dann wird der 60 t
Koloss vorsichtig auf den Rücken gelegt. Es folgen die
Gewindebohrungen und die Fräsungen für die Nutenführungen. An ihnen
werden später die so genannten Statorpackete befestigt. Sie bauen
das Magnetfeld auf, das den Zug zieht. Messpunkte Messpunkte weisen
den Maschinen den Weg. Exakt muss das Stück ausgerichtet werden.
Ein rechter Winkel muss ein rechter Winkel sein. Und eine Parallele
eine Parallele: Mehr als 1 mm Abweichung auf die 26 m darf nicht
drin sein. Jeder Einschnitt, jedes Bohrloch hat genau zu sitzen.
Korrekturen sind kaum möglich.
Rund 5.500 Stunden Arbeit werden in den acht
Weichen stecken, die bis Ende Februar auf die Reise gehen. Ihr Weg
führt zunächst zu Thyssen-Krupp nach Hannover. Dann geht es weiter
mit dem Schiff nach China. Verdienen wird das Unternehmen an dem
Auftrag kaum. Vorstand und Alleinaktionär Axel Richter bleibt dafür
das Renommee - und die Hoffnung. Schließlich sind der Metrorapid
und die Pläne für eine Anbindung des Münchner Flughafens im
Gegensatz zu Berlin - Hamburg nicht vom Tisch.
Schwergewichte wie die Transrapid-Teile sichern
Richter einen Platz in einer Marktnische. In der 138 Meter langen
Halle lagert ein Bohrkopf mit einem Durchmesser von 12 Meter,
bestimmt für den Bau eines Autobahntunnels. Das gewaltige
Stahlgehäuse in seiner Nähe wird einmal das Getriebe einer Fregatte
aufnehmen. Ein paar Meter weiter spendet ein Presswerkteil genug
Hitze, um Spiegeleiner darauf zu braten. Ganz langsam war es in dem
Garage-großen Ofen auf 600 °C erhitzt und wieder abgekühlt worden.
Um die Spannung nach Schweißarbeiten zu beseitigen. Nun steht es,
noch immer 100 °C heiß, in der Werkhalle, bis es wieder
Raumtemperatur erreicht hat.
Maschinenbauer sind Richters Kunden. Der
Drei-Schicht-Betrieb verlangt hohe Investitionen. Drei bis vier
Millionen DM kostet ein Computer gesteuertes Bohrwerk, das auch bei
den Weichen im Einsatz ist. Zehn Jahre etwa hält die Anlage, dann
muss Ersatz her.
Schweißen, Bohren, Fräsen, Montieren: Damit lässt
sich punkten bei Kunden, die ihre tonnenschwere Werkstücke nicht
für jeden Fertigungsschritt zu einem anderen Zulieferer
transportieren wollen. Hoffnung setzt Richter auch auf eine
neuartige Presse, die ein Hersteller gemeinsam mit der Universität
Dortmund für den Automobilbau entwickelt hat. Mit einer Kraft von
10.000 Tonnen soll die auch mit zähesten Materialen fertig werden.
In Hessisch Lichtenau wird der Rohling wie eine Garnspule
umwickelt. Natürlich im großen Stil: Mehr als zehn Tonnen
Stahldraht gehen auf den gusseisernen Korpus drauf.
Quelle: HNA, Barbara Will, Foto:
Fischer