
Er denkt in großen Dimensionen: Firmenchef Axel Richter.
(Foto: Konrad)
Wenn Axel Richter von Blechen spricht, dann meint er 300 bis 400
Millimeter dicke und tonnenschwere Rohstahlplatten. Dass daraus
einmal Bauteile für Maschinen werden, lässt erahnen, in welchen
Dimensionen bei der Richter Maschinenfabrik AG in Hessisch
Lichtenau gearbeitet wird.
„Das ist ein Teil des Bohrkopfes für eine Tunnelbohranlage“,
erklärt der Firmenchef beim Gang durch die beiden großen
Produktionshallen, die zusammen 17 000 Quadratmeter
Fertigungsfläche bieten. Er zeigt auf einen etwa sechs Meter hohen
Stahlbogen, in den ein riesiger Bohrer Löcher hineinbohrt. Christof
Wolff, der die „Bohr“-Maschine steuert, ist dahinter kaum zu
erkennen. Menschen sehen inmitten dieser stählernen Kolosse aus wie
Zwerge. Wenn der Bohrkopf fertig ist, wird er einen Durchmesser von
fast 14 000 Millimetern haben und 285 Tonnen auf die Waage
bringen. Dass die Größe bei diesen Dimensionen in Millimetern
angegeben wird, verwundert, hat aber einen praktischen Hintergrund:
„Die Teile müssen auf den Millimeter genau gefertigt und bearbeitet
werden“, erklärt Richter. Seit 1993 sind Bohrköpfe und
Schneideräder für Tunnelvortriebsmaschinen eines von mehr als einem
Dutzend Geschäftsfelder des Unternehmens.
„Wir verstehen uns als ganzheitlicher Allround- Systemlieferant
für den Anlagen- und Maschinenbau“, sagt Richter. Eigene Produkte
stellt das Unternehmen nicht her. Die Bauteile werden geliefert und
entsprechend den Wünschen der Auftraggeber bearbeitet. „Wir sind
sozusagen die verlängerte Werkbank unserer Kunden“, sagt Prokurist
Joachim Kraus. Die Arbeitsbereiche umfassen Brennschneiden,
Schweißen, Wärmebehandlung, Zerspanung, Sandstrahlen, Lackieren
und Montieren, Lösungen für Verpackung und Transport,
Instandsetzung und Montagen. Stückgewichte bis zu 300 Tonnen können
in den Produktionshallen bearbeitet werden, rund 15 000 Tonnen
Rohstahl werden jedes Jahr verarbeitet. Den Umsatz, der stark vom
Stahlpreis abhängt, beziffert Richter mit etwa 40 Millionen Euro im
Jahr - „mit hoher eigener Wertschöpfung“.
Die Wirtschaftskrise hat das Unternehmen kaum tangiert. Das
liegt laut Richter am breit gefächerten Leistungsprofil und an der
Vielfalt der Geschäftsfelder. Die Auftraggeber reichen vom
Schlossermeister bis zu Airbus. Zu den Geschäftsfeldern gehören
etwa die Fertigung von Bauteilen für die Luftfahrttechnik, die
Großmotorenfertigung, der Karosserie- und Pressenbau,
schweißtechnische Anlagen, die Fertigung von Bauteilen für
Mining-Bagger, der Schienenbau für den Transrapid in Shanghai und
der Energieanlagenbau. „Eine Branche boomt immer“, sagt der
Firmenchef. Seit diesem Jahr ist die Herstellung von Gondel-
Grundrahmen von etwa 90 Tonnen für Offshore-Windkraftanlagen in
Serie gegangen. Vor fünf Jahren war das Unternehmen in die Branche
eingestiegen. Gearbeitet wird rund um die Uhr in drei Schichten,
die Auftragsbücher sind gut gefüllt.
„Durch eine Fertigungstiefe von nahezu 100 Prozent und dem
7-mal-3-Schichtmodell können wir dem Anspruch an Flexibilität in
jeglicher Hinsicht gerecht werden“, erläutert Richter eine der
Stärken seines Unternehmens. Zudem sei man durch die mehr als
60-jährige Marktkompetenz in der Lage, die Kunden bereits im
Entwicklungsprozess als Partner zu unterstützen. Auch den Standort
in Hessisch Lichtenau sieht Richter als Pluspunkt: „Lage und
Infrastruktur erlauben es, selbst komplexeste Teile über eine
angeschlossene Binnenwasserstraße zu transportieren.“
Zur Bearbeitung der Bauteile stehen hochmoderne Maschinen zur
Verfügung wie etwa ein vollautomatischer Schweißroboter mit einem
Arbeitsbereich von 20 mal 4 Metern für Großbauteile. Auch das
spannungsarme Glühen, Sandstrahlen und Lackieren der Teile sowie
die kompletten Dreh-, Fräs- und Bohrarbeiten bietet die Firma unter
einem Dach.
Zu den Kunden der Richter Maschinenbaufabrik AG gehören zwar in
erster Linie deutsche Großmaschinen- und Anlagebau-Unternehmen, 80
bis 90 Prozent der Produkte gehen jedoch auf den ausländischen
Markt. „Deutsche Technik und Qualität sind im Ausland gefragt“,
sagt Richter. Der Zukunft seines Unternehmens sieht er angesichts
der derzeitigen positiven Entwicklung optimistisch entgegen.
Mirko Konrad
Wirtschaft Nordhessen Ausgabe 09.2010
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